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Herwart Grosse

Herwart Grosse

* 17.04.1908, Berlin
† 27.10.1982, Berlin

Biographie

Herwart Grosse wächst in einer Kleinbürgerfamilie auf und absolviert zunächst eine kaufmännische Lehre. Dann verdingt er sich in wechselnden Anstellungen und Tätigkeiten, zuletzt in der kommunistischen "Universum"-Bücherei, bevor auch er zu den Millionen Erwerbslosen jener Tage zählt. Während der Lehr- und Arbeitsjahre knüpft er ersten Kontakt zum Künstlertum, probt in der Freizeit in Volkstanz- und Laienspielgruppen und gehört zur Jugendbewegung "Wandervogel". Bald ist er Mitglied im Sprechchor des Arbeiter-Turn-und-Sport-Bundes "Fichte" unter der Leitung von Albert Florath, erhält hierbei seine künstlerische Ausbildung. Er tritt in proletarischen Versammlungen und Agitprop-Veranstaltungen auf, u.a. in Hans Rodenbergs "Roter Revue" oder Kurt Borks "Es geht nicht um die Wurst", ehe die Junge Volksbühne dem Aufführungsverbot unterliegt.
Grosse nimmt schließlich Schauspielunterricht beim Vater seiner Bühnenpartnerin, dem renommierten Akteur Paul Bildt. 1933 legt er erfolgreich seine Prüfung ab und kann sich fortan 'Berufsschauspieler' nennen, der sich anfangs mit kleinsten Rollen durchschlägt. Er spielt an verschiedenen Berliner Bühnen wie dem Preußischen Staatstheater, dem Theater der Jugend und von 1938 bis zur Schließung des Hauses 1944 am Schillertheater, neben solch anerkannten Größen wie Paul Wegener, Heinrich George, Ernst Legal, Horst Caspar oder Will Quadflieg, deren "Vorbild ihm Niveaugefühl und Maßstäbe vermittelte" (Dieter Kranz, 1966). Auf autodidaktische Weise und mit Hilfe der Praxis vervollkommnet Grosse sein Können. Auch wirkt er in dieser Zeit erstmalig als Charge in Filmen mit.
Nach Krieg und sowjetischer Gefangenschaft schließt er sich 1946 dem Ensemble des Deutschen Theaters Berlin an, welches bis zu seinem Tode 1982 seine Wirkungsstätte und künstlerische Heimat bleibt. Er versteht es vorzüglich, auf brilliante Weise, mit präziser Darstellung, bravouröser Diktion und sicheren Textpointen, sein Publikum über Jahre hinweg stets aufs Neue zu faszinieren und zu fesseln. Selbst oder gerade in Nebenrollen hinterlässt er Eindruck und prägt sich im Gedächtnis ein. "Klugheit und Spott, Würde und Ironie, Erfahrung und Neugier verschmelzen bei Herwart Grosse zu einer im Wortsinn merkwürdigen Einheit", fasst Christoph Funke 1981 die markante Art und eigenwillige Ausstrahlung dieses Schauspielers zusammen. Der Mime mit dem Charakterkopf und den scharf geschnittenen Gesichtszügen wird gern für die Verkörperung intellektueller Bösewichte und komischer Käuze der Bühnenliteratur eingesetzt - eine Festlegung, der er schwer entkommen kann. Erfolge feiert Grosse, der sich zeitweilig auch als Regisseur versucht, u.a. als Wurm in "Kabale und Liebe", Friedrich II. in "Der Müller von Sanssouci", Wirt in "Minna von Barnhelm" oder Narr in "König Lear". Absolute Höhepunkte seines Bühnenschaffens sind z.B. der Kapitän Shotover in Shaws "Haus Herzenstod" sowie der George Bernard Shaw in Jerome Kiltys "Geliebter Lügner". Zu lang ist die Liste der Werke, in denen er Kritiker- und Zuschauerherz erfreute. Darum sei hier nur noch kurz auf seine legendären literarischen Abende mit Thomas Mann gewidmeten Programmen hingewiesen.
Seit 1947 steht Herwart Grosse auch vielfach für DEFA und später gleichfalls fürs DDR-Fernsehen vor der Kamera. Wiederum erinnert man sich seines Talentes zumeist dann, wenn zwielichtige Figuren, Intriganten, Schurken, Verbrecher, sprich Bösewichte aller Schattierungen, gebraucht werden, für die er prädestiniert scheint. Wegen seines differenzierten und entlarvenden Spiels betrauen ihn Regisseure häufig mit diesem Rollentyp, und Grosse weiß jedes Mal erfrischend anders zu überzeugen. Herausragend seine Gestaltung des hinterhältigen Kapitalisten und Kriegsverbrechers Direktor von Decken im "Rat der Götter" oder des Gestapochefs Müller im "Fall Gleiwitz". Doch beweist er ebenso starke Überzeugungskraft in der Darstellung positiver Charaktere, so in "Die besten Jahre" und im Mehrteiler "Dr. Schlüter". Im historischen Abenteuerfilm "Die gestohlene Schlacht" erlebt ihn das Kinopublikum als Preußenkönig Friedrich II. Seine ironische Seite darf er in einigen satirischen Stacheltier-Kurzfilmen hervorheben.
Neben seinem Wirken als Schauspieler ist er mit seiner unverwechselbaren Stimme ein begehrter Sprecher bei Rundfunk, Hörspiel und Synchron. Für seine künstlerischen Verdienste wird Grosse mit dem Kunst-, National- und Goethepreis geehrt. Außerdem zeigt der antifaschistisch gesinnte Künstler politisches Bewusstsein, tritt Anfang der 1930er Jahre in die KPD ein, beteiligt sich zur Zeit des Faschismus an illegaler politischer Arbeit. In den 1950ern beendet er seine Mitgliedschaft in der SED.
Sein Sohn Michael Grosse ist Regisseur und Theaterleiter.

(Team Zutz - Quellen u.a.: Renate Seydel, Schauspieler; 100 Jahre Deutsches Theater Berlin; Das große Lexikon der DDR-Stars)

Filmographie (Auswahl)

Jahr

Filmtitel

Rolle

1942

Andreas Schlüter (D)

der Sekretär bei Wartenberg

1944

Die Degenhardts (D)

Jürgensen, Sekretär beim Gartenbauamt

1948

Straßenbekanntschaft

Arzt im Gesundheitsamt

1948

Und wieder 48

Regisseur Hoffmann

1950

Der Rat der Götter

Direktor von Decken

1953

Das Stacheltier: Eine Liebesgeschichte

Kunstsachverständiger

1955

Robert Mayer - Der Arzt aus Heilbronn

Hofrat von Zeller

1956

Damals in Paris

Madou

1959

Ware für Katalonien

Hauptmann Polland

1959

Bevor der Blitz einschlägt

Argus, Lokalredakteur

1960

Begegnung im Zwielicht (DDR/PL)

Vorsitzender des Gerichts

1961

Professor Mamlock

Oberarzt Dr. Carlsen

1961

Der Fall Gleiwitz

Gestapochef Müller

1961

Reportage unter dem Strang geschrieben (CSSR)

Friedrich

1962

Ach, du fröhliche...

Herr Ostermann

1962

Minna von Barnhelm

Wirt

1963

Sonntagsfahrer

Dr. Denker

1964

Mir nach, Canaillen!

Onkel des Leutnants

1964

Pension Boulanka

Clown Ulf

1965

Wolf unter Wölfen (TV)

Major Rückert

1965

Die besten Jahre

Schneller

1965

Nichts als Sünde

Malvolio

1965

Dr. Schlüter (TV)

Professor Dulrich

1966

Karla

Lehrer Jott

1967

Turlis Abenteuer

Merkauf, Lehrer

1968

Schüsse unterm Galgen

Alexander Balfour / Ebenezer Balfour

1969

Krupp und Krause (TV)

Direktor Lösinger

1970

Der Mörder sitzt im Wembley-Stadion (TV)

Sherpherdson

1971

Husaren in Berlin

von Rochow

1972

Die gestohlene Schlacht (DDR/CSSR)

Friedrich II., König von Preußen

1974

Wolz - Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten

Gustav

1975

Am Ende der Welt

Lehrer Petzold

1976

Die Leiden des jungen Werthers

Gesandter

1978

Fleur Lafontaine (TV)

Prof. Bardekow

1979

Stine (TV)

Baron

1983

Martin Luther (TV)

Staupitz

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