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Gerhard Bienert 1985

Gerhard Bienert
(eigtl. Gerhard Max Richard Bienert)

* 08.01.1898, Berlin
† 23.12.1986, Berlin (West)

Fotos

Biographie

Urwüchsiger Berliner Schauspieler mit sieben Buchstaben, genannt Bienus. So oder ähnlich könnte eine Kreuzworträtselfrage nach dem Namen des beliebten Charaktermimen formuliert sein, der eng mit der Geschichte des Deutschen Theaters, jenem traditionsreichen Haus inmitten der Hauptstadt, verbunden ist. In einer mehr als 60 Jahre umfassenden Karriere bei Bühne, Film und Fernsehen hat der Volksschauspieler Gerhard Bienert in unzähligen Inszenierungen und Produktionen mitgewirkt, durch sein präzises Spiel und die lebensechte Gestaltung seiner Figuren mit dem ihm eigenen "umwerfend schnoddrigen Charme" Spuren hinterlassen. "Ein Leben in tausend Rollen" heißt bezeichnenderweise die Biographie. Der von Kollegen nicht nur wegen seiner Disziplin und Einsatzbereitschaft geachtete Künstler ist in der Klassik wie in der Moderne zu Haus, in Dramen wie Komödien. Dabei ist sein Rollenspektrum weit gefächert. Er spielt kauzige Alte, "treuherzige Biedermänner und durchtriebene Schurken, Lebemänner und Trottel und immer wieder auch klassenbewußte Arbeitergestalten" gleichermaßen überzeugend. "In ihm steckt ein guter Schuß Berliner Humor und typische Berliner Herz-und-Schnauze-Mentalität", schreibt Martin Linzer 1974 in einem Beitrag über den "realistischen Menschendarsteller" Bienert.
Doch zurück zu den Anfängen dieser bemerkenswerten Künstlerlaufbahn. Der Sohn eines Buchhalters und einer Hausfrau meldet sich nach dem Abitur 1916 freiwillig zum Militäreinsatz und nimmt am ersten Weltkrieg teil. 1918 wird er als Dragonerleutnant aus der Armee entlassen. Daraufhin beginnt er halbherzig ein Philosophiestudium, welches er jedoch bald abbricht, um Schauspieler zu werden. Wider eigenen Erwartens nimmt man ihn 1919 an der Schauspielschule des Deutschen Theaters unter dem damaligen Leiter Berthold Held auf. Tagsüber erhält er Unterricht durch "reichlich altmodische" Sprecherzieher, die zwar nett, aber "zumeist überlebte Vertreter reinsten und infolgedessen schrecklichsten Mimentums" sind, wie Bienert es rückblickend selbst schildert. Abends steht er als Statist, später in kleinen Parts auf der Bühne neben den Großen jener Zeit. Ab 1922 arbeitet er an verschiedenen Berliner Spielstätten unter namhaften Regisseuren wie Max Reinhardt oder in Revuen von Erwin Piscator. 1928 gründet Bienert mit seinem Freund Hans Deppe und anderen Kollegen, darunter auch sein Bruder Reinhold Bernt, die "Gruppe junger Schauspieler", die sich schnell durch proletarisches Theater zu einer wichtigen progressiven Spielgruppe etabliert. Mit sozialkritischen Stücken wie Peter Martin Lampels "Revolte im Erziehungshaus" oder Friedrich Wolfs "Cyankali" feiern sie Erfolge bei einer Deutschlandtournee und gastieren in der Tschechoslowakei, Österreich, der Schweiz und als erstes deutschsprachiges Ensemble 1930 in der Sowjetunion. Bis zum Beginn des Hitlerfaschismus, der das Ende der Gruppe bedeutet, wirken die jungen Schauspieler u.a. noch in der Uraufführung von Brechts "Die Mutter" mit - wie stets ohne Gage. Geld verdienen die Mitglieder mit Chargenrollen beim Film. So auch Bienert, der seit 1922 in vielen Streifen dabei ist und 1929 seinen Durchbruch als Schlafbursche in "Mutter Krausens Fahrt ins Glück", einem der letzten großen Stummfilme, hat. In den 1930er und 1940er Jahren setzt er seine Arbeit vor der Kamera in zahlreichen Nebenrollen fort, man sieht ihn u.a. als Schupo im Marlene-Dietrich-Klassiker "Der blaue Engel" oder als Klempner-Karl in "Berlin Alexanderplatz".
Nach dem zweiten Weltkrieg spielt er am Deutschen Theater in Gustav von Wangenheims "Hamlet"-Inszenierung und ist zunächst bei Fritz Wisten am Theater am Schiffbauerdamm, beim Berliner Ensemble engagiert, ehe Wolfgang Langhoff ihn 1952 wieder fest ans Deutsche Theater holt, dem Bienert dann, mit Ausnahme von Gastverpflichtungen an Bühnen in Ost und West, bis zu seinem Tode treu ist. Aus seinem umfangreichen Repertoire sind hier der Theobald Maske in Sternheims "Hose" und "Snob" (der zu den erklärten Lieblingsrollen des Schauspielers zählt) oder der Advokat Bannermann in "Zwei Krawatten" als besonders erfolgreich und originell hervorzuheben. Lang ist die Liste der Werke, denen auch Gerhard Bienert mit seiner Leistung als Teil des Ensembles zu Glanz verhilft, sie stammen aus der Feder von Shakespeare, Shaw, O'Casey, Tschechow, Gorki, Molière bis hin zu Autoren der neueren Generation wie Horst Salomon oder Alfred Matusche.
Ein wesentliches Wirkungsfeld bleibt auch nach 1945 die Tätigkeit für den Film, später kommt das Fernsehen hinzu. Ab 1953 übernimmt er fast ausschließlich Aufgaben bei DEFA und DFF und gehört nach dem Mauerbau 1961 zu den wenigen Westberlinern, die weiterhin in der DDR auftreten dürfen. Zu den Höhepunkten unter den TV-Produktionen zählt 1971 sein Porträt des Johann Hardekopf in der Willi Bredel-Romanadaption "Verwandte und Bekannte". Unverwechselbar verkörpert er manch Nebenrolle, oftmals Berliner Typen, gutmütig-väterliche Charaktere. Ein paar Beispiele: Er ist der Vater von "Emilia Galotti" und "Effi Briest" oder der Rentier Buffey in "Ein Polterabend". Außerdem gibt er liebenswerte, vitale Opas, wahre Haushaltswunder, so in "Hallo Taxi" und "Du und icke und Berlin". 1960 wird er mit dem Kunstpreis geehrt, 1965 und 1977 mit dem Nationalpreis ausgezeichnet und 1978 erhält er die Johannes-R.-Becher-Medaille in Gold.
In dritter Ehe ist Gerhard Bienert mit der Schauspielerin Inge Herbrecht (* 02.09.1925 in Karlsruhe) verheiratet, die u.a. in mehreren Stacheltier-Kurzfilmen der DEFA dabei ist.

(Team Zutz - Quellen u.a.: Renate Seidel, Schauspieler; 100 Jahre Deutsches Theater Berlin; Filmschauspieler A-Z; Internetseite der Schauspielschule Berlin)

Filmographie (Auswahl)

Jahr

Filmtitel

Rolle

1929

Mutter Krausens Fahrt in Glück (D)

Untermieter

1930

Der blaue Engel (D)

Polizist

1931

Berlin-Alexanderplatz (D)

Klempner-Karl

1936

Die große und die kleine Welt (D)

Werner, Taxichauffeur

1943

Ich vertraue dir meine Frau an (D)

Verkehrspolizist

1948

Affaire Blum

Karl Bremer

1953

Die Unbesiegbaren

Wachtmeister Vogt

1954

Ernst Thälmann - Sohn seiner Klasse

Otto Kramer

1955

Ein Polterabend

Rentier Buffey

1956

Thomas Müntzer

Graf Ernst von Manfeld

1956

Die Millionen der Yvette

Bleichstetter, Bankier

1957

Lissy

Vater Schröder

1957

Polonia-Expreß

Wilhelm Merkel

1958

Emilia Galotti

Odoardo Galotti, Emilias Vater

1958

Ein Mädchen von 16 1/2

Oskar Genz

1958

Der Prozeß wird vertagt

Gefängnisdirektor

1958

Die Elenden (DDR/FRA/ITA)

Gerichtspräsident

1959

Reportage 57

Vater Kramer

1959

Verwirrung der Liebe

Taxichauffeur

1960

Trübe Wasser (DDR/FRA)

Jean Jacques Rouget

1960

Alwin der Letzte

Alwin Schmieder

1960

Die heute über 40 sind

Herr Weidtlich

1961

Mutter Courage und ihre Kinder

Feldwebel

1964

Viel Lärm um Nichts

Holzapfel

1967

Hochzeitsnacht im Regen

Futtermeister

1967

Die Ohrfeige (TV)

der alte Grosse

1967

Kleiner Mann - was nun? (TV)

Vater Mörschel

1968

Wir lassen uns scheiden

Opa Koch

1968

Androklus und der Löwe (TV)

Ferrovius

1969

Hans Beimler, Kamerad (TV)

Herr Dengler

1970

Effi Briest (TV)

Vater Briest

1971

Verwandte und Bekannte (TV)

Johann Hardekopf

1974

Hallo Taxi (TV)

Opa Schneller

1974

Der nackte Mann auf dem Sportplatz

Wilhelm

1975

Polizeiruf 110: Der Mann (TV)

Herr Werker

1975

Blumen für den Mann im Mond

Opa Sielaff

1976

Hostess

Rentner Heinrich

1977

Die Flucht

Schmiths Vater

1977

Du und icke und Berlin (TV)

Karl Krone

1978

Sabine Wulff

Onkel Karl

1984

Was soll bloß aus dir werden (TV, BRD)

Kohlenotto

Fotos

Als Telegin in Anton Tschechows "Onkel Wanja", Deutsches Theater Berlin 1972 (100 Jahre Deutsches Theater Berlin 1883-1983) "Berlin Alexanderplatz" (D 1931) (Ein Leben in tausend Rollen) Als Doolittle in Shaws "Pygmalion", Deutsches Theater Berlin 1952 (Ein Leben in tausend Rollen)

Literatur

Gerhard Bienert
Ein Leben in tausend Rollen
Nach Tonbandprotokollen aufgezeichnet von Dieter Reimer
Henschelverlag Berlin 1989
ISBN 3-362-00249-8
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