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Erwin Geschonneck

Erwin Geschonneck

* 27.12.1906, Bartenstein
† 12.03.2008, Berlin

Fotos

Biographie

Wächst in Berlin als Sohn eines Flickschusters in einfachen Verhältnissen auf, wird mit 14 Jahren berufstätig als Bürobote, Hilfsarbeiter, Hausdiener, zeitweilig arbeitslos, Mitglied der Arbeitersportbewegung Fichte, 1929 in der KPD, wirkt in Arbeiterchören, Agitprop-Gruppen und in der Jungen Volksbühne. 1933 beginnt eine Odyssee durch Europa, er schlägt sich in Polen, der CSR und der Sowjetunion durch, wo er u.a. mit Gustav von Wangenheim und Curt Trepte zusammenarbeitet, wird des Landes verwiesen, kann in der CSR in deutschen Spielgemeinschaften wirken, u.a. zusammen mit Paul Lewitt. Beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht wird er nach einem Fluchtversuch verhaftet, durchläuft die Konzentrationslager Sachsenhausen, Dachau und Neuengamme. Beim Untergang der "Cap Arcona", auf der 4000 Häftlinge deportiert werden, gehört Geschonneck 1945 zu den wenigen Überlebenden. Ab 1946 bei Ida Ehre an den Hamburger Kammerspielen tätig, kommt er 1949 ans Berliner Ensemble, das er noch zu Brechts Lebzeiten wieder verläßt, um sich stärker dem Film zu widmen
Einen ersten Filmauftritt hat Erwin Geschonneck schon 1931 als Arbeitersportler in einer Massenszene des proletarischen Spielfilms "Kuhle Wampe". Während seiner Hamburger Zeit spielt er größere Nebenrollen, u.a. bei Helmut Käutner und Wolfgang Liebeneiner. Nachdem Geschonneck nach Berlin wechselt, werden ihm bei der DEFA zahlreiche Hauptrollen in erfolgreichen Filmen übertragen, Rollen verschiedener Genres, in denen er heute noch zu sehen ist, und die viel diskutiert werden. Er spielt in Märchenfilmen (Holländer-Michel in "Das kalte Herz", 1950, Kaufmann Machmud in "Die Geschichte vom armen Hassan", 1958), in historischen Streifen (Wilhelm Liebknecht in "Die Unbesiegbaren", 1953, Oberst Petershagen in "Gewissen in Aufruhr", TV 1961), Kostümfilmen (Stahlarm in "Die Abenteuer des Till Ulenspiegel, DDR/F 1956), in antifaschistischen Werken (Witting in "Fünf Patronenhülsen", 1960, Otto Quangel in "Jeder stirbt für sich allein", TV 1970), Abenteuerfilmen ("Das Geheimnis der Anden", TV 1972, "Das Licht auf dem Galgen, 1975/76), Literaturadaptionen ("Im Schlaraffenland", TV 1975, "Schau heimwärts, Engel!", TV 1977, "Levins Mühle", TV 1979/80), aber auch in vielen Gegenwartsfilmen, die teilweise für ihn geschrieben werden, und in denen er oft seine deutliche ironische Ader ausspielen kann und mitunter Dogmen der DDR-Politik in Frage stellt ("Bankett für Achilles", 1975, "Ein altes Modell", TV 1976).
Aus seinem umfangreichen Œuvre ragen drei Filme heraus, die er unter der Regie von Frank Beyer dreht. In der Verfilmung von Bruno Apitz' Roman "Nackt unter Wölfen" (1963) gibt er den Lagerältesten Krämer zwischen menschlicher Anteilnahme und strenger, lebenserhaltender Einsicht und bringt eigene Erfahrungen ein. Im gleichen Jahr erscheint er in einer der populärsten Rollen als Karbid-Kalle in der am Kriegsende angesiedelten Komödie "Karbid und Sauerampfer". Schließlich besetzt ihn Beyer 1974 als Gegenspieler Kowalski zum Titelhelden "Jakob, der Lügner". Obwohl Geschonneck ein Leben lang der Titelrolle des Juden Jakob hinterhertrauert, liegt doch gerade in seiner ironisch-pfiffigen Darstellung des Kowalski ein wichtiges Wirkungsmoment dieses Anti-Kriegs-Films, der als einzige DEFA-Produktion mit einer Oscar-Nominierung bedacht wird.
Erwin Geschonnecks Filme bleiben auch von Verboten - aus ganz unterschiedlichen politischen Erwägungen - nicht verschont. Die Arnold-Zweig-Adaption "Das Beil von Wandsbek" wird 1950 nach kurzer Laufzeit zurückgezogen, verstümmelt, und erst 1981 auf Druck des Stars in der ursprünglichen Fassung in der DDR einmalig aufgeführt. Der kritische Wismut-Film "Sonnensucher" bleibt von 1958-72 verboten. Ebenfalls von Konrad Wolf wird "Leute mit Flügeln" inszeniert. Geschonneck erhält für diesen Film über die (auslaufende) Flugzeugindustrie der DDR 1960 einen Preis für die beste männliche schauspielerische Leistung, aber der Film wird nach kurzer Zeit in die Archive verdammt. In dem "Stacheltier"-Film "Darf der denn das?" von Wolfgang E. Struck wird das Auftreten eines Ministers kritisiert - der Streifen von 1959 harrt bis heute seiner Uraufführung. Gerhard Kleins Film "Berlin um die Ecke" thematisiert 1965 einen Generationskonflikt im Arbeitermilieu und darf erst 1987 aus der Versenkung geholt werden. Achim Hübners Fernsehfilm "Anfang am Ende der Welt" wird 1972 verboten und ist bis heute unbekannt.
Daß die meisten dieser Filme in der DDR überhaupt gedreht und aufgeführt werden können, ist nicht zuletzt Erwin Geschonneck zu danken. Als langjähriger Genosse und Antifaschist - und zudem beliebter Schauspieler - genießt er eine Art Narrenfreiheit, aber im Gegensatz zu anderen nutzt er diese Stellung, um immer wieder den Finger auf die Wunden zu legen - nicht nur, wenn es um die eigene Arbeit geht. Nach außen unantastbar, bleibt Geschonneck doch unbequem und wird - wie er selbst meint - aus gutem Grund nie in Parteifunktionen gewählt. Er erhält jedoch zahlreiche staatliche Auszeichnungen, mehrmals den Nationalpreis, den Vaterländischen Verdienstorden, den Kunstpreis, wohl auch in der Hoffnung, ihn milde zu stimmen. Nach der Vereinigung beider deutscher Staaten kommt noch der Bundesfilmpreis dazu. In einer Kritikerumfrage der Zeitschrift "Film und Fernsehen" wird Erwin Geschonneck 1992 mit großem Abstand zum besten DDR-Schauspieler gewählt. Selbst zwielichtigen Gestalten, auch den moralischen Helden gibt Geschonneck Züge tiefer Menschlichkeit, die ihn zum Volksschauspieler werden lassen. Wenn man ihn als Star bezeichnet, wehrt er ab: "Bei uns gab es keine Stars, aber ich war immerhin eine erste Kraft!" In den neunziger Jahren gastiert der gefeierte Komödiant am Berliner Ensemble. Er spricht mit über 90 Jahren noch in Hörspielen und gibt gelegentlich Soloabende. Seinen letzten Film dreht er unter der Regie seines Sohnes Matti Geschonneck (geb. 1952), der 1974 einen Auftritt in Konrad Wolfs Film "Der nackte Mann auf dem Sportplatz" hat und seit Ende der siebziger Jahre als Regisseur im Westen arbeitet. Seine Mutter, nur für wenige Jahre mit Erwin Geschonneck verheiratet, ist die Schauspielerin Hannelore Wüst. Sie spielt mit ihrem Mann 1955 in den "Stacheltier"-Filmen "Das Haushaltswunder" und "Es geht um die Wurst" und steht auch später nur gelegentlich vor der Kamera ("Weil ich dich liebe", 1970).

(F.-B. Habel & Volker Wachter, "Das große Lexikon der DDR-Stars")

Filmographie (Auswahl)

Jahr

Filmtitel

Rolle

1947

In jenen Tagen (Westdtl.)

 

1949

Der Biberpelz

Motes

1950

Das kalte Herz

Holländer-Michel

1951

Das Beil von Wandsbek

Albert Teetjen

1952

Schatten über den Inseln

Dr. Sten Horn

1953

Die Unbesiegbaren

Wilhelm Liebknecht

1954

Alarm im Zirkus

Klott

1955

Das Stacheltier: Das Haushaltswunder

Abteilungsleiter Vogel

1955

Das Stacheltier: Es geht um die Wurst

Leo Weiß, Friseur

1956

Der Hauptmann von Köln

Hans Karjanke

1957

Die Abenteuer des Till Ulenspiegel (DDR/FRA)

Bras d'Acier

1957

Schlösser und Katen

Bröker

1958

Der Lotterieschwede

Johan Jönsson

1958

Sonnensucher

Jupp König

1959

SAS 181 antwortet nicht

Laue

1959

Musterknaben

Arthur Wedel

1960

Leute mit Flügeln

Ludwig Bartuschek

1960

Fünf Patronenhülsen

Kommissar Heinrich Witting, Deutscher

1961

Gewissen in Aufruhr (TV)

Oberst Joachim Ebershagen

1962

Ach, du fröhliche...

Walter Lörke

1963

Nackt unter Wölfen

Walter Krämer

1963

Karbid und Sauerampfer

Karl Blücher, genannt Kalle

1965

Berlin um die Ecke

Paul Krautmann

1967

Geschichten jener Nacht, IV. Der große und
der kleine Willi

Willi Lenz

1967

Die Fahne von Kriwoj Rog

Otto Brosowski sen.

1967

Ein Lord am Alexanderplatz

Ewald Honig

1970

Jeder stirbt für sich allein (TV)

Otto Quangel

1974

Polizeiruf 110: Der Tod des Professors (TV)

Professor Harms

1974

Jakob der Lügner

Kowalski

1975

Bankett für Achilles

Karl Achilles

1977

Die Insel der Silberreiher (DDR/CSSR)

Oberst von Bülow

1978

Anton der Zauberer

Vater Grubske

1980

Levins Mühle

Johann

1981

Meschkas Enkel (TV)

Meschka

1982

Benno macht Geschichten (TV)

Oskar Schrader

1987

Wie die Alten sungen...

Walter Lörke

1988

Mensch, mein Papa...!

Erich Zarling

1995

Matulla und Busch (TV)

Matulla

Fotos

Als Zeuge in der szenischen Lesung von Peter Weiss' Oratorium "Die Ermittlung", Akademie der Künste 1966 (Meine unruhigen Jahre)

Literatur

Erwin Geschonneck
Meine unruhigen Jahre
Dietz Verlag, Berlin 1984
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